Einsamkeitsminister
Was die britische Einsamkeitspolitik erreicht hat, was Deutschland bisher tut, und was der Vergleich über die politische Ernsthaftigkeit des Themas aussagt.
Im Januar 2018 tat Großbritannien etwas, das damals vielen seltsam erschien: Es ernannte eine Ministerin für Einsamkeit.
Tracey Crouch wurde zur weltweit ersten Staatssekretärin mit Zuständigkeit für Einsamkeit ernannt – zusätzlich zu ihrem Portfolio für Sport und Zivilgesellschaft. Die Entscheidung von Premierministerin Theresa May war eine Reaktion auf eine Untersuchung, die zeigte, dass mehr als neun Millionen Briten sich regelmäßig einsam fühlten. Die mediale Reaktion war gemäßt skeptisch. Das klang nach Symbolpolitik.
Sechs Jahre später ist der Befund nuancierter.
„Großbritannien ernannte 2018 eine Ministerin für Einsamkeit. Was damals wie Symbolpolitik aussah, war etwas anderes.“
Was Großbritannien tatsächlich getan hat
Das britische Ministerium für Kultur, Digitales, Medien und Sport entwickelte im Oktober 2018 eine nationale Strategie unter dem Titel A connected society. Sie enthielt konkrete Maßnahmen: ein standardisiertes nationales Einsamkeits-Messverfahren (basierend auf einer direkten Frage und der UCLA Loneliness Scale), ein ressortübergreifendes Ministerienkomitee aus neun Abteilungen, den sogenannten Building Connections Fund mit 11,5 Millionen Pfund für lokale Projekte, und eine öffentliche Entstigmatisierungskampagne unter dem Motto „Let’s Talk Loneliness“.
Zu den geförderten Projekten gehörten neue Transportangebote für mobiliätsbeschränkte Menschen, digitale Vernetzungsangebote für ältere Briten und ein „Tech to Connect“ Innovationsfonds mit einer Million Pfund. Im Verlauf der Corona-Pandemie wurden zusätzlich über 24 Millionen Pfund direkt in Einsamkeitsprävention investiert.
War das ein Lösung? Nein. Die aktuellen jährlichen Berichte des britischen DCMS sind selbstkritisch: Einsamkeit bleibt verbreitet, die Effekte vieler Maßnahmen sind schwer messbar, und die Herausforderung ist größer als ein Ministerportfolio. Aber das Thema hat eine Adresse bekommen. Es gibt eine politische Verantwortlichkeit, einen nationalen Datensatz, eine ressortübergreifende Koordination und eine öffentliche Debatte, die vorher nicht existierte.
Japan und andere
Großbritannien blieb nicht allein. Im Februar 2021, auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie und alarmiert durch stark steigende Suizidraten, ernannte Japan seinen ersten Einsamkeitsminister: Tetsushi Sakamoto. Der offizielle Titel lautete „Ministrierung für isolationsbedingte Probleme und Einsamkeit“ – ein Titel, der die Ernsthaftigkeit des japanischen Kodokushi-Phänomens widerspiegelt: einsame Tode, deren Körper oft erst Wochen nach dem Tod entdeckt werden.
Australien und andere europäische Länder diskutieren seitdem ähnliche Institutionen. Die Frage ist keine akademische mehr.
Was Deutschland bisher tut
Deutschland ist in dieser Hinsicht zurückhaltender. Es gibt kein Einsamkeitsministerium, keinen Einsamkeitsbeauftragten auf Bundesebene.
Was es gibt: das Kompetenznetz Einsamkeit (KNE), das 2022 auf Initiative des Bundesfamilienministeriums gegründet wurde und Forschung, Praxis und Politik zusammenführen soll. Es gibt rund 530 öffentlich geförderte Mehrgenerationenhäuser bundesweit. Es gibt Silbernetz in Berlin als ehrenamtliche Telefonbegleitungsinitiative. Es gibt das Programm Wege aus der Einsamkeit des BMFSFJ, kofinanziert durch den Europäischen Sozialfonds.
Diese Initiativen sind gut gemeint und teilweise wirksam. Sie sind aber überwiegend lokal, ehrenamtlich getragen, schwer skalierbar und strukturell nicht in der Lage, das Problem systematisch zu adressieren. Es gibt keine nationale Datenbasis, keine übergreifende Strategie und keine politische Instanz, die Einsamkeit als eigenständiges Gesundheitsrisiko behandelt.
Einsamkeitsforscherin Susanne Bücker hat es prägnant formuliert: Ein Einsamkeitsbeauftragter auf Bundesebene würde dem Thema eine
„Anschrift und Hausnummer“ geben. Ohne das bleibt es ein Randproblem in einem übervollen politischen Kalender.
„Ein Einsamkeitsbeauftragter auf Bundesebene würde dem Thema eine „Anschrift und Hausnummer“ geben. Ohne das bleibt es ein Randproblem.“
Was der Vergleich zeigt
Der Vergleich zwischen Großbritannien und Deutschland ist kein Vorwurf. Er ist eine Bestandsaufnahme.
Beide Länder haben dasselbe Problem: Eine wachsende ältere Bevölkerung, schrumpfende informelle Netzwerke, ein Pflegesystem, das soziale Einsamkeit strukturell nicht abdeckt. Großbritannien hat entschieden, Einsamkeit als politische Aufgabe zu behandeln. Deutschland behandelt sie als soziale Herausforderung, die anderen überlassen werden soll.
Der Unterschied ist nicht die Menge der Angebote. Es ist die Frage, ob der Staat Einsamkeit als Gesundheitsrisiko einordnet, das systematische Prävention erfordert – oder als persönliches Schicksal, das bestmöglich überbrückt werden soll.
Der US-amerikanische Surgeon General hat Einsamkeit 2023 als Public-Health-Krise eingestuft, vergleichbar mit dem Rauchen von 15 Zigaretten täglich. Die Frage, ob Deutschland diesem Urteil politisch folgt, ist noch offen.
Quellenangaben
UK Government. (2018). A connected society: a strategy for tackling loneliness. Department for Culture, Digital, Media and Sport.
UK DCMS. (2023). Annual Report on Loneliness. GOV.UK.
Wissenschaftlicher Dienst des Bundestages. (2021). Bekämpfung von Einsamkeit in Großbritannien. WD-9-026-21.
Business Insider Deutschland. (2022). Das Bundesfamilienministerium plant eine Strategie gegen Einsamkeit.
LegalClarity. (2025). Which Countries Have a Minister of Loneliness?
US Surgeon General. (2023). Our Epidemic of Loneliness and Isolation. Advisory on the Healing Effects of Social Connection.
Kompetenznetz Einsamkeit (KNE). www.einsamkeit.de
